Die Spaltungspläne für den Iran sind ja auch keine geheimen Konzepte

Samstag, 6. Januar 2018

Willy Wimmer: ''Die derzeitige Entwicklung ist dadurch gekennzeichnet, dass wir es mit einem Vulkan in der Großregion zu tun haben''

Willy Wimmer, Staatssekretär a.D., am Telefon im Gespräch mit Prof. Dr. Alexander Sosnowski, Chefredakteur World Economy

Willy Wimmer handelte im Auftrag von Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl einen Austausch von Gefangenen und Verstorbenen zugunsten von Iran und Israel aus.

WE: Es mehren sich die Vermutungen, dass die Vereinigten Staaten sich eine Art Arabischen Frühling im Iran gewünscht haben. Wie schätzen Sie das ein?

Willy Wimmer:

Wir müssen die gesamte Region betrachten, das heisst, nicht nur den Iran sondern auch Pakistan. Die derzeitige Entwicklung ist dadurch gekennzeichnet, dass wir es mit einem Vulkan in der Großregion zu tun haben. Dieser Vulkan wird dadurch bestimmt, dass wir diese auf den Straßen ausgetragenen Auseinandersetzungen im Iran ebenso haben, wie die auf den Straßen ausgetragenen Auseinandersetzungen in Pakistan, die deshalb zustande kamen, weil es zu einem Bruch zwischen Pakistan und den USA gekommen ist. Wir tun gut daran, uns das alles genau anzusehen. Der nächste Punkt in diesem Zusammenhang ist, dass wir es in der Vergangenheit mit drei großen Einwirkungsschneisen in den Iran hinein zu tun hatten. Auf der einen Seite die traditionell engen Beziehungen zwischen Teheran und London - noch aus der Kolonialzeit stammend. Das hatte es Großbritannien auch erlaubt sich bis jetzt aus allen Sanktionen gegenüber Teheran weitestgehend raus zu halten. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass es im Iran vor einigen Jahren Umstände gegeben hat, bei denen Atomwissenschaftler innerhalb des Landes ums Leben gebracht worden sind und man sich in diesem Zusammenhang über israelische Hintermänner Gedanken hat machen müssen. Und das dritte ist, dass wir in Los Angeles die größte iranische Auslandsgemeinde haben, mit unglaublichen Einwirkungsmöglichkeiten auch über Radio und Fernsehsender in den Iran hinein, wo die Spaltungen der iranischen Gesellschaft - in Anbetracht aller Umstände nach dem Zweiten Weltkrieg - eine große Rolle spielen. Das sind drei Dinge, die eine dauerhafte Einwirkungsmöglichkeit auf den Iran als Staat darstellen und sie sind in der Vergangenheit auch genutzt worden. 

WE: Meinen Sie, dass dieses Spiel um den Iran zu einem Großkrieg führen könnte? Immerhin sind mehrere Länder darin involviert und manche meinen, da könnte jeden Moment alles explodieren?

Willy Wimmer:

Das ist in dieser Region insgesamt eine Gefahr. Immerhin verfolgen die Vereinigten Staaten bereits seit Jahrzehnten - und das kann man auf den veröffentlichten Landkarten nachsehen - ein völlig anderes staatliches Bild im Nahen und Mittleren Osten. Die Spaltungspläne für den Iran sind ja auch keine geheimen Konzepte, sondern sie wurden sogar veröffentlicht. Das muss man in dieser Region natürlich sehen. Zuletzt konnte man das im Zusammenhang mit den Überlegungen die kurdischen Vorstellungen über einen unabhängigen Staat durchzusetzen feststellen. Wir haben es in den kurdischen Gebieten des Irak beispielhaft gesehen. Da ist es der israelischen Seite sogar gelungen die deutsche Bundeswehr in diesem Gebiet eingesetzt zu sehen. Und, wenn man über die Kurden im Irak spricht, dann muss man natürlich auch über die Kurden im Iran und in der Türkei nachdenken. Das macht sehr deutlich, welche Sprengkraft ethnische Fragen heutzutage in dieser Region haben und das gilt für den Iran in besonderer Weise. Wenn ich da nur an die großen Anteile der aserischen Bevölkerung im Iran denke und natürlich auch daran, dass es arabische Provinzen im Iran gibt und die Gegend bei Belutschistan ist ja auch nicht unproblematisch. Vor diesem Hintergrund gibt es wirklich genügend Sprengstoff, der gezündet werden kann, wenn entsprechende Kräfte im Iran nicht die Stabilität ihres Staates im Vordergrund sehen. Wie die Entwicklung weiter läuft, wird man in den vor uns liegenden Wochen und Monaten sehen können. Ich höre seit Tagen aus hochrangigen internationalen Gesprächsquellen, die westlicher Natur sind, dass bei internationalen Begegnungen mit Interesse beobachtet wird, dass iranische, türkische und israelische Diplomaten ihre Köpfe zusammen stecken und sehr freundschaftlich miteinander umgehen. Also, diese Region birgt riesige Gefahren für uns alle, sie scheint aber auch interessante Möglichkeiten aufzuzeigen.

WE: Ist das so zu verstehen, dass die drei Mächtigen in der Region, Iran, Türkei und Israel, zur Zeit die Hauptspieler auf dem Feld sind und nicht die USA oder Russland?

Willy Wimmer:

Das würde ich so nicht sehen. Die Hauptspieler in der Region sind diejenigen, die uns auch den Frieden bringen könnten. Wenn es zu einem Treffen zwischen dem amerikanischen Präsidenten Trump - unabhängig davon, was ihm gerade in Washington um die Ohren gehauen wird - und dem russischen Präsidenten Putin nach seiner erwarteten Wiederwahl im März kommen könnte, dann könnten wir uns berechtigte Hoffnungen darauf machen, dass die Spannungen im Nahen und Mittleren Osten dem Ende zugeführt werden können. Das ist Krux, mit der wir es derzeit zu tun haben. Da kommt natürlich die iranische, türkische und israelische Rolle hinzu, aber die kann man auch mit den Hauptakteuren Russland und den Vereinigten Staaten in Verbindung bringen. Die unterschiedlichen Enden der Konflikte können durchaus zusammengeführt werden und es gibt in Washington und auch in anderen Teilen der Welt zuhauf Kräfte, die genau das verhindern wollen. 

WE: Und wo steht Deutschland in dieser Frage?

Willy Wimmer:

Die deutsche Politik zeichnet sich dadurch aus, dass man eigene Beurteilungsmöglichkeiten entweder fast völlig verloren hat oder sie bewusst nicht will. Ich habe ja eben darauf aufmerksam gemacht, dass wir uns, was die kurdischen Gebiete des Iraks angeht, ohne Rücksicht auf Verluste vor den israelischen Karren haben spannen lassen. Das zeichnet uns in dieser Region aus - im Gegensatz zu allen Bundesregierungen, die wir in Bonn gehabt haben. Und macht natürlich auch deutlich, wo man deutschen Einfluss ansiedeln muss und wo nicht. 

WE: Herr Wimmer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Bilder: @depositphotos

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Willy Wimmer, Staatssekretär a.D., am Telefon