Die Quoten-Illusion beherrscht die Welt

Freitag, 24. Februar 2017

Das Barometer von „likes“ und „dislikes“. Im digitalen Kommunikationswettbewerb geht es nicht mehr um Qualität, sondern um Quoten

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In der europäischen Zentrale einer weltweit tätigen Nachrichtenorganisation laufen an einem einzigen Tag mehr Daten ein, als die ganze Menschheit in den 23 Jahrhunderten zwischen dem Tod von Sokrates und der Erfindung des Telefons hervorgebracht hat. Wer kann aus dieser unermesslichen Fülle eine qualifizierte Auswahl treffen, um über das tägliche Weltgeschehen „objektiv“ zu berichten? Das ist geradezu unmöglich.Im digitalen Kommunikationswettbewerb geht es nicht mehr um Qualität, sondern um Quoten.Wöchentlich in den Medien - der aktuelle Stand des Politik-Barometers. Die Kriterien hierfür sind oft recht fragwürdig.  Auf Facebook findet ein Kommunikations-Dauermarathon statt. Viele sind auf der Suche nach Freunden, die niemals Freunde werden. Die Sehnsucht nach Anerkennung ist immens, die Zahl der „likes“ bestimmt die Qualität des „digitalisierten“ Menschen; die Grundlagen für eine Berufskarriere werden illusionär auf Socialmedia etabliert. Sogenannte erfolgreiche Künstler findet man in den Charts. Wertmaßstab allein ist der Geschmack einer medienmanipulierten Masse.

Wer bei GOOGLE recherchiert, hat mit Trefferquoten zu tun.

Eine aktuelle Auswahl vom Sonntag, 19. Februar 2017 – 9Uhr (es kann sich stündlich ändern):

• FACEBOOK -17,7 Milliarden 

• GOOGLE - 11,3 Milliarden

• TWITTER - 10,1 Milliarden

• New York Times - 2,1 Milliarden

• GOD - 1,6 Milliarden

• Donald Trump - 490 Millionen

• GOTT - 136 Millionen

• DER SPIEGEL- 83 Millionen

• RTL - 80 Millionen

• Angela Merkel - 71 Millionen

• BILD Zeitung - 55 Millionen

• FC Bayern München - 35 Millionen

• Dragon Queen Olivia Jones - 30 Millionen

• Dalai Lama - 24 Millionen

Von Roland R. Ropers, Sprach- & Kulturphilosoph. Kolumnist WORLD ECONOMY 

Mainstream-Medien des Establishments sind nicht mehr verlässlich. Sofern das System herausgefordert wird, positioniert sich der Mainstream aufseiten der Mächtigen. Wenn der Meinungskorridor immer enger wird, bilden sich Alternativen. Die Mainstream-Medien gehören heute Aktiengesellschaften oder Megakonzernen. Und die Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten sind immer staats- sowie wirtschaftsnäher und damit abhängiger geworden. Das ist keine gute Voraussetzung für integren Journalismus.

Peter Scholl-Latour, einer der wirklich großen deutschen Journalisten, hatte in seinem letzten Buch „Der Fluch der bösen Tat“ auf beeindruckend deutliche Weise mit westlicher Außen- und Sicherheitspolitik abgerechnet. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte anlässlich des 90. Geburtstags des mit ihm befreundeten Journalisten gesagt, dass es möglich ist „sich gegen den Mainstream der öffentlichen Meinung zu stellen.“ 

Kurz vor seinem Tod resümierte der klar denkende Hanseat: „Viele Medien schreiben anders, als die Deutschen denken. Die Deutschen sind bei weitem friedfertiger als die Leitartikler in der WELT, der FAZ, der BILD und auch meiner eigenen Zeitung, der ZEIT." 

Das medial konstruierte Bild ist so offenkundig einseitig und tendenziös, die ganze Situation so verfahren, dass pure Selbstverständlichkeiten inzwischen zu schieren Unmöglichkeiten geworden sind. Es geht nur noch um Quoten und Klicks, um Likes und Selfies, um Dauerpräsenz in einer virtuellen Welt der progressiven Kommunikationsverarmung. Da sich der Mainstream auffällig als geschlossene, interessengeleitete Formation präsentiert, laufen ihm große Teile der Kunden davon. Die gedruckte Zeitung steht fast vor dem Aus, das Ende einer Medien-Ära ist eingeläutet. Die Leitartikler der führenden Tageszeitungen, die maßgeblichen TV- und Rundfunkredakteure wären dringend verpflichtet, die Werthaltigkeit ihrer Arbeit zu überprüfen. Die vorsätzliche Verdummung der Bevölkerung ist ein Zeichen mangelhafter Geisteskultur. Der neue US-Präsident Donald Trump hat den etablierten Medien den Kampf angesagt. Sein Wahlsieg hat auch mit seiner penetranten Selbstdarstellung auf Twitter zu tun. Die quotenorientierte Vermarktung des Egos kann nicht die Lösung für einen notwendigen Wandel in unserer Gesellschaft sein.

Redakteur: I.Tkachenko

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