Im Kontext eines „Islamofaschismus“

Freitag, 29. Juli 2016

„Um die Kriegstrommeln nicht zu hören, muss man taub sein“. Henry Kissinger

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(Korrigierte Fassung)

Russland und die USA haben in der Syrien-Frage gemeinsame Interessen, meint der ehemalige amerikanische Staatssekretär Henry Kissinger: „Letztendlich, können wir uns mit Russland gemeinsame Ziele setzen, weil für uns in der Syrien-Frage nur eine primäre Aufgabe gelten sollte: Der Kampf gegen die Radikalisierung der arabischen Welt.“ 

„Islamofaschismus“

Wie wir bereits wissen, hat der so genannte Islamische Staat die Verantwortung für den Terroranschlag in Nizza übernommen. Das Phänomen IS, der es geschafft hat sich beträchtliche syrische und irakische Territorien einzuverleiben, sprengt den Rahmen des „üblichen Terrorismus“, es muss eher im Kontext eines „Islamofaschismus“ betrachtet werden.

Die durch die Erschaffung eines quasi Staates, gennant IS, verfolgten Ziele, sind inzwischen allgemein bekannt. Zunächst - die Erschaffung eines Kalifats auf dem Territorium von Afrika bis Indien. Ein Kalifat - ist ein muslimischer Staat und funktioniert nach dem System eines theokratischen, islamischen Staates. Offensichtlich, sollen Nationen und Völker, die diese Ziele und Aufgaben nicht teilen, unterworfen werden und zwar mittels der terroristischen und militärischen Bedrohung. Diese Bestrebungen dienen zuallererst der materiellen und spirituellen Bereicherung der Islamisten - so wie sie diese verstehen. 

Dabei muss der Islam unbedingt vom Islamismus, dem politischen Islam getrennt werden, ebenso wie muslimische Gläubige von den Islamisten getrennt werden müssen. 

Islamisten treten für die Etablierung einer einheitlichen Weltordnung ein, die sie durch die Einführung der Sharia - eines starren, brutalen Systems, basierend auf drakonischen Strafen - als Maßstab für gesellschaftliche Normen und für das Verhältnis zwischen Bürgern und Staat erreichen wollen. Es muss allen klar sein, dass im Falle einer erfolgreichen Machtergreifung in anderen Ländern, deren Bürger zum Einhalten der Sharia gezwungen würden, während „Ungläubige“ zu Menschen zweiter Klasse degradiert werden. 

Kalifat

Man kann annehmen, dass die Wurzeln, dieser politisch-konfessionellen Bewegung in der Türkei liegen. Die Wiederauferstehung der Idee vom „Großen Kalifat“ und des Osmanischen Reichs, hat gewisse Parallelen mit den Zielen der Nazis. Besonders deutlich wird das im To Do - Bereich: die „Endlösung der Judenfrage“ in Deutschland, der Genozid an der Armeniern, Griechen und Assyrern in der Türkei, der dem Holocaust voranging. 

Auszug aus der Geschichte

Im Jahre 635 n.Chr., das heisst, drei Jahre nach dem Tode Mohammeds, fallen Armeen des Heiligen Halbmonds in die christlichen Syrien und Palästina ein. Im Jahr 638 erobern sie Jerusalem und die Grabeskirche. 640 - nach der Eroberung von Persien, Armenien, Mesopotamien (heute Irak), überfallen sie das christliche Ägypten und erobern das christliche Maghreb, sprich die heutigen Tunesien, Algerien und Marokko.

Im Jahr 668 überfallen sie erstmals Konstantinopel und belagern es im Laufe der nächsten fünf Jahre. 711 überschreiten sie die Meerenge von Gibraltar und erobern die im höchsten Maße katholisch geprägte iberische Halbinsel, heute Spanien und Portugal. Trotz des heroischen Widerstands der dortigen Krieger, wie El Cid Campeador oder Pelayo, dauerte ihre Herrschaft fast acht Jahrhunderte lang. 

721 n.Chr. gingen sie von Spanien Richtung nicht weniger katholisch geprägtes Frankreich. Unter der Führung des andalusischen Statthalters Abd-el-Rachman töteten sie die gesamte männliche Bevölkerung der Pyrenäen und Narbonne, alle Frauen und Kinder wurden versklavt. Danach führte ihr Weg sie nach Carcassonne.

Auf dem Weg Richtung Norden töteten sie alle Nonnen und Mönche in allen auf ihrem Weg liegenden Klöstern. In Lyon und Dijon wurden ausnahmslos alle Kirchen geplündert. Die Eroberung Frankreichs dauerte elf Jahre. 731 erreichte eine Welle von 380 Tausend Mann Infanterie und 16 Tausend Reitern Bordeaux und schwappte weiter nach Tours. Hätte Karl Martell nicht im Jahr 732 einen Sieg in der Schlacht bei Poitiers davon getragen, würden jetzt auch die Franzosen Flamenco tanzen. 

Nach Ende der Kreuzzüge nahmen die Söhne Allahs ihre Politik wieder auf, als wäre nichts gewesen. Dieses Mal verrichteten sie ihr Werk mit den Händen der Türken, die an der Schwelle zur Geburt des Osmanischen Reiches standen. Bis 1700 n.Chr. konzentrierten sie ihre Gier auf den Westen und verwandelten Europa in ein beliebtes Schlachtfeld. Die Ausführenden und Träger dieser Gier - die berühmten Janitscharen - bereichern unsere Sprache auch heute noch und sind ein Synonym für einen fanatischen Mörder. 

Wieder die Türkei 

Bei ihren politischen Schachzügen kann sich die Türkei heute nur auf Saudi Arabien und den Katar verlassen. Diese drei Länder sind die größten Organisatoren und Nutznießer des syrischen Bürgerkriegs. Finanziell und logistisch bekommen die Terroristen des Islamischen Staates den Großteil ihrer Unterstützung über die Türkei. Ebenso ist sie gleichzeitig die Haupt-Transit-Route für Djihadisten aus aller Welt, die nach Syrien oder den Irak wollen. Dessen ungeachtet begann die Türkei mit der Wiederherstellung der Verhältnisse mit Russland und Israel. Hinter dem Wunsch das Verhältnis zu Israel wieder zu normalisieren, steht ein ganz klares Motiv: Eine Pipeline, die israelisches Gas Richtung Türkei pumpt. Außerdem hofft die Türkei auf eine Zusammenarbeit bei der Terrorbekämpfung und auch auf die Erkenntnisse der israelischen Geheimdienste. 

Ähnlich sind die Gründe für eine Annäherung an Russland: die russischen Touristen sind unentbehrlich, ihre Besucherzahlen fielen nach dem Abschuss des russischen Flugzeugs um 92%. Und dabei natürlich auch die Gaspipeline von Russland in die Türkei.

Die letzten Entscheidungen der türkischen Führung fanden Zuspruch in Washington und der EU, aber wird sich Ankara zu einem radikalen Schritt gegen den IS entschließen und die syrisch-türkische Grenze für Djihadisten blockieren? 

Soweit man es beurteilen kann, wird Washington alles in seiner Macht stehende tun, um eine Konfrontation mit Moskau oder Teheran in der Syrien-Frage zu vermeiden. Ein „schwaches Glied“ in dem Amerikanischen System der Eigeninteressen-Sicherung im nahen Osten ist neben anderen auch Bagdad, das jederzeit bereit ist Hilfe bei Russland zu suchen. 

Im Ergebnis kann die Türkei dank der politischen Schachzüge ihres Präsidenten nur auf Saudi Arabien und den Katar zählen. Dabei denken beide nicht daran sich als Nebenspieler, Beobachter und Sponsoren von Terrororganisationen zurück zu nehmen und überlassen es Ankara die Bürde des einsamen Frontkriegers ganz allein zu tragen.

Ausgehend von den Erfahrungen der Türkischen Republik, kann angenommen werden, dass die türkische Bevölkerung einem gesetzwidrigen Putsch eher ablehnend gegenüber steht. Jedoch würde sie Anführer, die sie für zu religiös betrachtet, durch weitere Putschversuche des Militärs doch los werden wollen - die mit Sicherheit noch kommen werden. Diese Theorie wurde denn auch durch die letzten Ereignisse bestätigt.

Wir schlussfolgern daraus folgendes: 

  • Eine ganze Rehe von Ländern, allen voran Frankreich, haben ihren Status als sichere Länder verloren
  • Die terroristische Bedrohung in Europa ist massiv angestiegen
  • Wir haben es mit einem neuen Terrorismus-Model zu tun
  • Es müssen neue Strategien zur Abwendung von Terrorattacken gefunden werden. Einen Anschlag mit einem LKW hat, zum Beispiel, niemand erwartet. In Europa kann von neuen Anschlägen ausgegangen werden
  • Europäische Länder sollten nicht nur auf eigenem Territorium ermitteln, sondern auch direkt an den Islamischen Staat heran gehen, nicht nur im militärischen Sinn
  • Der Kampf um die Köpfe sollte intensiviert werden, den Islamisten ein Intellektueller traditioneller Islam gegenüber gestellt werden.

 

 

Dr. Alexander Lagutkin, Professor an der Fakultät für Administratives und Finanzielles Recht an der Russischen Ökonomischen Plechanow-Universität

 

 

 

 

Dr. Martik Gasparjan, Vize-Präsident der Internationalen Akademie für die Geistige Einheit der Völker der Welt (Academy of Spiritual Unity of Nations).

 

 

 

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