Der Konflikt hat sich zu einem Albtraum für beide Völker entwickelt

Sonntag, 30. April 2017

Wolfgang John:„Die Beziehungen zwischen Aserbaidschan und Armenien sind seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion bis heute sehr, sehr schlecht“

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Im Gespräch mit World Economy kommentiert die aktuelle Situation im Südkaukasus der Osteuropa-Experte Dr. Wolfgang John.

WE: Am 24. April wurde in Armenien der Gedenktag an den Genozid an den Armeniern von 1915 begangen. Wie sieht heute die Beziehung zwischen den zwei kaukasischen Ländern - Armenien und Aserbaidschan - aus, durch Nachbarschaft verbunden, aber trotzdem seit vielen, vielen Jahren nah am Kriegszustand? 

Wolfgang John:

Die Beziehungen zwischen Aserbaidschan und Armenien sind seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion bis heute sehr, sehr schlecht. Die Hauptursache ist natürlich der Karabach-Krieg. Hinzu kommen noch die Folgen des Krieges, zum Beispiel, dass die Grenze zwischen Aserbaidschan und Armenien bis heute geschlossen ist. Dass Aserbaidschan einen Bündnispartner hat - die Türkei - der Armenien komplett boykottiert und mit dem es leider, trotz vieler Ansätze, bis heute nicht zu einer Verständigung gekommen ist. Auch kommen die furchtbaren Ereignisse in Sumgait und Baku Anfang der 90er Jahre hinzu, als es zu sog. "ethnischen Säuberungen" kam und es eine große Zahl von Flüchtlingen gab. Hunderttausende Armenier mussten damals das Land verlassen. Eine schlimme Geschichte, die sich dann auch auf armenischer Seite wiederholt hat, es wurden auch von Armeniern Kriegsverbrechen in Bergkarabach verübt. Das ist ein schlimmes Erbe, das sehr schwer zu überwinden ist.

Ich habe lange in diesen beiden Ländern gearbeitet und möchte hinzufügen, dass auf persönlicher Ebene, bei den Bürgern beider Länder, eher der Wille zu einer Verständigung da ist. Sie haben viel gemeinsames, viele gemeinsame Traditionen des Kaukasus, aber auch des jahrhundertelangen gemeinsamen Lebens von Christen und Muslimen im Osmanischen Reich.

WE: Ist die Situation um Bergkarabach jetzt entspannt?

Wolfgang John:

Es stimmt auf jeden Fall optimistisch, dass die Lage heute viel entspannter ist als während des so- genannten Viertage-Krieges vor einem Jahr, mit vielen Opfern auf beiden Seiten. Vereinbarungen zwischen beiden Staaten, vom April vergangenen Jahres in Wien und vom Juni in St. Petersburg, sind weitestgehend eingehalten worden. Bei dem vor einigen Tagen in Moskau stattgefundenen Treffen der Außenminister Armeniens, Aserbaidschans und Russlands sowie den anschließenden Gesprächen mit Vertretern der Minsker Gruppe der OSZE ist dieser Kurs erfreulicherweise bestätigt worden. 

Trotz zahlreicher Treffen und Vermittlungsbemühungen der OSZE und der russischen Regierung ist jedoch nach wie vor eine Lösung des Konfliktes nicht in Sicht. Das Maximum des Erreichbaren war stets die Sicherung des Waffenstillstandes. Das ist jedoch seit 1994 gelungen. Kämpfe des Ausmaßes der Jahre 1991 bis 1994, bei denen mehr als 25.000 Menschen ums Leben kamen, hat es seither nicht mehr gegeben. Nicht gelungen ist es, die territoriale Integrität Aserbaidschans wiederherzustellen und den armenischen und aserbaidschanischen Flüchtlingen die Rückkehr in ihre jeweilige Heimat zu ermöglichen. Inzwischen hält es sogar kaum noch jemand für möglich, dass die aus Aserbaidschan vertriebenen über 200.000 Armenier je wieder in ihrer ehemaligen Heimat leben könnten oder auch nur wollten. Das gleiche gilt für die aus Armenien und Bergkarabach geflohenen 190.000 Aserbaidschaner.

Der Konflikt hat sich zu einem Albtraum für beide Völker entwickelt. Er fordert nicht nur jährlich trotz Waffenstillstand viele Tote und Verletzte sondern behindert auch Investitionen in beiden Ländern. Öl- und Gasleitungen wurden, trotz erheblicher zusätzlicher Kosten, unter Umgehung von Armenien gebaut und ihre Funktion würde durch einen Krieg in Bergkarabach unterbrochen. Geradezu absurd sind die Rüstungsausgaben der beiden Länder, die deren ökonomische Entwicklung bremsen. Darüber hinaus können auch wichtige Verkehrswege wegen des Kriegszustandes nicht genutzt werden. 

Erforderlich wäre jetzt, die Gewinninteressen der Rüstungslobby und Machtintrigen nationalistischer Kreise in beiden Ländern hinten anzustellen und den Mut zum Kompromiss und zum Frieden zu finden. Schon oft waren beide Seiten nahe an einem Durchbruch. Leider hat dann immer die Angst vor der eigenen Courage die Oberhand gewonnen. Wünschenswert wäre sicher auch, dass es zu internationalen Vereinbarungen kommt, mit dem Ziel, die Rüstungsexporte in die Konfliktregion einzuschränken.

WE: Herr John, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. 

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